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Wahlsysteme im Vergleich
Bundestagswahl seit der Reform 2023
Die Wahlrechtsreform 2023 hat das Bundestagswahlrecht grundlegend umgebaut — erstmals angewandt bei der Wahl am 23. Februar 2025. Der Bundestag hat seitdem fest 630 Sitze; Überhangmandate und Ausgleichsmandate sind abgeschafft.
So funktioniert der Stimmzettel (Schema)
Erststimme (linke Spalte)
eine Person im Wahlkreis — 299 Wahlkreise
→ entscheidet, WER den Wahlkreis gewinnt
Zweitstimme (rechte Spalte)
eine Landesliste (Partei)
→ entscheidet ALLEIN, wie viele Sitze eine Partei bekommt
1Zweitstimmen zählen
bundesweit je Partei (5-%-Hürde)
2630 Sitze verteilen
nach Sainte-Laguë auf Parteien & Landeslisten
3Wahlkreissieger einziehen
nur mit Zweitstimmendeckung — sonst bleibt der Sitz unbesetzt
- Zwei Stimmen wie bisher: Die Erststimme gilt einer Person in einem der 299 Wahlkreise, die Zweitstimme einer Landesliste. Allein die Zweitstimmen bestimmen, wie viele Sitze eine Partei erhält.
- Neu — die Zweitstimmendeckung: Wer seinen Wahlkreis gewinnt, zieht nur dann ein, wenn der Sitz durch das Zweitstimmenergebnis seiner Partei gedeckt ist. Die am knappsten gewonnenen Wahlkreise einer Partei können daher unbesetzt bleiben.
- Sitzberechnung: Die 630 Sitze werden nach Sainte-Laguë/Schepers verteilt — erst auf die Parteien, dann auf deren Landeslisten (Ober- und Unterverteilung).
- Hürden: Es gilt die 5-%-Sperrklausel; wer mindestens drei Wahlkreise gewinnt, ist über die Grundmandatsklausel ausgenommen. Die Reform wollte diese Klausel streichen — das Bundesverfassungsgericht ordnete im Urteil vom 30. Juli 2024 ihre Fortgeltung an, bis der Gesetzgeber die Sperrklausel neu regelt.
Umstritten: die Zweitstimmendeckung — zwei Sichtweisen
Reformziel
Überhang- und Ausgleichsmandate hatten den Bundestag zuletzt auf 736 Sitze (2021) anwachsen lassen. Die feste Größe von 630 Sitzen soll das Parlament verkleinern und die Sitzzahl wieder planbar an die Zweitstimmen binden.
Kritik
Wer seinen Wahlkreis direkt gewinnt, kann seit der Reform ohne Mandat bleiben, wenn das Zweitstimmenergebnis der Partei den Sitz nicht deckt — aus Sicht der Kritik eine Schwächung der direkten Wahlkreis-Vertretung.
Das Bundesverfassungsgericht erklärte die Zweitstimmendeckung im Urteil vom 30. Juli 2024 für verfassungsgemäß — der Wahlkreissieg begründet danach keinen verfassungsrechtlichen Anspruch auf einen Sitz. BVerfG, Urteil vom 30.07.2024 – 2 BvF 1/23 ↗
| Vor der Reform | Seit der Reform 2023 | |
|---|---|---|
| Größe | Regelgröße 598, durch Überhang und Ausgleich zuletzt 736 Sitze (2021) | Fest 630 Sitze |
| Wahlkreissieg | Direktmandat garantiert | Nur mit Zweitstimmendeckung |
| Überhang/Ausgleich | Ja | Abgeschafft |
| Sperrklausel | 5 % oder 3 Direktmandate | 5 % oder 3 Direktmandate (Grundmandatsklausel per BVerfG-Urteil vorerst weiter in Kraft) |
Quellen: Bundeswahlleiterin — Das Wahlsystem (Bundestagswahl 2025) · Bundeswahlgesetz (gesetze-im-internet.de) (Zugriff 03.07.2026). Eigene Darstellung.
16 Landtagswahlsysteme im Vergleich
Alle Länder wählen nach der Verhältniswahl, aber im Detail unterscheiden sich die Systeme deutlich: bei der Zahl der Stimmen, beim Rechenverfahren für die Sitzverteilung und bei den Ausnahmen von der Sperrklausel. Anders als im Bund seit 2023 können in den meisten Ländern Überhang- und Ausgleichsmandate das Parlament weiterhin vergrößern — ausgenommen Bremen und das Saarland, die ohne Direktmandate wählen.
Bundestag
4 Jahre630 Sitze · Wahlkreise (299)
🗳️ 2 Stimmen · Sainte-Laguë
Sperrklausel: 5 % oder 3 Direktmandate
Baden-Württemberg1
5 Jahre120 Sitze · Wahlkreise (70)
🗳️ 2 Stimmen · Sainte-Laguë
Sperrklausel: 5 % landesweit
Bayern2
5 Jahre180 Sitze · Wahlkreise (91)
🗳️ 2 Stimmen · Sainte-Laguë
Sperrklausel: 5 % landesweit
Berlin3
5 Jahre130 Sitze · Wahlkreise (78)
🗳️ 2 Stimmen · Hare/Niemeyer
Sperrklausel: 5 % oder 1 Direktmandat
Brandenburg4
5 Jahre88 Sitze · Wahlkreise (44)
🗳️ 2 Stimmen · Hare/Niemeyer
Sperrklausel: 5 % oder 1 Direktmandat
Bremen5
4 Jahre87 Sitze · Wahlkreise (–)
🗳️ 5 Stimmen · Sainte-Laguë
Sperrklausel: 5 % je Wahlbereich
Hamburg6
5 Jahre121 Sitze · Wahlkreise (71)
🗳️ 10 Stimmen · Sainte-Laguë
Sperrklausel: 5 % landesweit
Hessen
5 Jahre110 Sitze · Wahlkreise (55)
🗳️ 2 Stimmen · Hare/Niemeyer
Sperrklausel: 5 % landesweit
Mecklenburg-Vorpommern
5 Jahre71 Sitze · Wahlkreise (36)
🗳️ 2 Stimmen · Hare/Niemeyer
Sperrklausel: 5 % landesweit
Niedersachsen
5 Jahre135 Sitze · Wahlkreise (87)
🗳️ 2 Stimmen · d'Hondt
Sperrklausel: 5 % landesweit
Nordrhein-Westfalen
5 Jahre181 Sitze · Wahlkreise (128)
🗳️ 2 Stimmen · Sainte-Laguë
Sperrklausel: 5 % landesweit
Rheinland-Pfalz
5 Jahre101 Sitze · Wahlkreise (51)
🗳️ 2 Stimmen · Sainte-Laguë
Sperrklausel: 5 % landesweit
Saarland7
5 Jahre51 Sitze · Wahlkreise (–)
🗳️ 1 Stimme · d'Hondt
Sperrklausel: 5 % landesweit
Sachsen
5 Jahre120 Sitze · Wahlkreise (60)
🗳️ 2 Stimmen · Sainte-Laguë
Sperrklausel: 5 % oder 2 Direktmandate
Sachsen-Anhalt
5 Jahre83 Sitze · Wahlkreise (41)
🗳️ 2 Stimmen · Hare/Niemeyer
Sperrklausel: 5 % landesweit
Schleswig-Holstein8
5 Jahre69 Sitze · Wahlkreise (35)
🗳️ 2 Stimmen · Sainte-Laguë
Sperrklausel: 5 % oder 1 Direktmandat
Thüringen
5 Jahre88 Sitze · Wahlkreise (44)
🗳️ 2 Stimmen · Hare/Niemeyer
Sperrklausel: 5 % landesweit
Europawahl (dt. Sitze)
5 Jahre96 Sitze · Wahlkreise (–)
🗳️ 1 Stimme · Sainte-Laguë
Sperrklausel: keine
📊 Parlamentsgröße im Vergleich (Soll-Sitze ohne Überhang/Ausgleich)
- Bundestag630
- Nordrhein-Westfalen181
- Bayern180
- Niedersachsen135
- Berlin130
- Hamburg121
- Baden-Württemberg120
- Sachsen120
- Hessen110
- Rheinland-Pfalz101
- Brandenburg88
- Thüringen88
- Bremen87
- Sachsen-Anhalt83
- Mecklenburg-Vorpommern71
- Schleswig-Holstein69
- Saarland51
Gesetzliche Sollgröße; in vielen Ländern kann das Parlament durch Überhang- und Ausgleichsmandate größer ausfallen (siehe Fußnoten).
- 1Zweistimmensystem erst seit der Wahlrechtsreform 2022 (erstmals bei der Landtagswahl 2026): Zuvor gab es nur eine Stimme; die Zweitmandate gingen an die besten Wahlkreis-Verlierer statt an eine Landesliste.
- 2Bayerische Besonderheit Gesamtstimmen: Für die Sitzverteilung zählt die Summe aus Erst- und Zweitstimmen. Die Listen sind offen — die Zweitstimme geht an eine konkrete Person und kann die Listenreihenfolge verändern. Verteilt wird getrennt je Wahlkreis (= Regierungsbezirk); die 91 Ebenen mit Direktmandat heißen amtlich „Stimmkreise".
- 3Berlin berechnet die Fünfprozenthürde als Anteil an den abgegebenen Stimmen einschließlich der ungültigen.
- 4Die Sperrklausel gilt nicht für Listen der Sorben/Wenden (Minderheitenschutz, vgl. Minderheitenklausel).
- 5Fünf Stimmen, die frei verteilt werden können — kumulieren und panaschieren. Die Hürde gilt getrennt für die Wahlbereiche Bremen und Bremerhaven; einzige vierjährige Wahlperiode.
- 6Je fünf Stimmen für die Landesliste und für die Wahlkreisliste (ebenfalls mit Kumulieren und Panaschieren); die 71 Wahlkreissitze werden in Mehrmandatswahlkreisen vergeben.
- 7Reine Listenwahl mit einer Stimme und ohne Direktmandate — neben Bremen das einzige Land ohne Wahlkreise mit Einzelbewerbung um ein Direktmandat.
- 8Die Sperrklausel gilt nicht für den SSW als Partei der dänischen Minderheit (Minderheitenklausel).
Weitere Unterschiede: In sieben Ländern dürfen bereits 16-Jährige wählen (Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein) — bei der Bundestagswahl gilt Wahlalter 18. Die Ergebnisse und Trends aller Länder zeigt die Seite Landtagswahlen.
Zahlen der Übersicht: wahlrecht.de — Landtagswahlrecht im Vergleich (Zugriff 03.07.2026) · je Zeile die amtliche Landeswahlleitung (verlinkt). Eigene Formulierungen, keine Textübernahme.
Europawahl: eine Stimme, keine Sperrklausel
Die 96 deutschen Abgeordneten des Europäischen Parlaments werden alle fünf Jahre gewählt — zuletzt am 9. Juni 2024. Das System unterscheidet sich deutlich von Bundestags- und Landtagswahlen:
- Eine Stimme, starre Listen: Gewählt wird eine Bundes- oder Landesliste einer Partei; die Reihenfolge der Bewerber ist fest, es gibt keine Wahlkreise und keine Direktmandate.
- Keine Sperrklausel: Das Bundesverfassungsgericht erklärte 2011 die 5-%- und 2014 die 3-%-Hürde bei Europawahlen für nichtig; seit der Europawahl 2014 gibt es in Deutschland keine Hürde mehr. Deshalb ziehen auch Parteien mit weniger als einem Prozent der Stimmen ins Parlament ein.
- Sitzverteilung: Auch hier rechnet Deutschland nach Sainte-Laguë/Schepers.
- Wahlalter 16: Seit der Europawahl 2024 dürfen in Deutschland auch 16- und 17-Jährige wählen.
Ergebnisse und Hintergründe: Europawahl · deutsche EU-Abgeordnete.
Quelle: Bundeswahlleiterin — Das Wahlsystem der Europawahl (Zugriff 03.07.2026). Eigene Darstellung.
Sainte-Laguë, d'Hondt, Hare/Niemeyer — was rechnet da eigentlich?
Stimmenanteile ergeben fast nie ganze Sitze — deshalb braucht jede Verhältniswahl ein Rundungsverfahren. Drei Methoden sind in Deutschland im Einsatz:
Sainte-Laguë/Schepers — Divisoren 1, 3, 5, 7 …
Die Stimmenzahlen der Parteien werden der Reihe nach durch die ungeraden Zahlen geteilt; die Sitze gehen an die jeweils höchsten Ergebnisse. Gilt als besonders proporzgenau, weil es weder große noch kleine Parteien systematisch bevorzugt. Im Einsatz bei der Bundestagswahl (seit 2009), der Europawahl und in acht Ländern — darunter Bayern, Nordrhein-Westfalen und seit der jüngsten Reform auch Sachsen.
d'Hondt — Divisoren 1, 2, 3, 4 …
Gleiches Prinzip, aber mit allen ganzen Zahlen als Teiler. Das begünstigt tendenziell stimmenstarke Parteien, weil deren Ergebnisse langsamer „kleingeteilt" werden. Bei Landtagswahlen nutzen es noch Niedersachsen und das Saarland; bei der Bundestagswahl galt es bis in die 1980er Jahre.
Hare/Niemeyer — Quote + größte Reste
Statt Divisoren wird gerechnet: Stimmen der Partei geteilt durch alle Stimmen, mal Sitzzahl. Jede Partei erhält zunächst den ganzzahligen Anteil; die restlichen Sitze gehen an die größten Nachkommareste. Verwenden heute Berlin, Brandenburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
Rechenhilfe zum Ausprobieren: Bei 1.000 Stimmen und 10 Sitzen bekäme eine Partei mit 55 % nach Sainte-Laguë wie nach Hare/Niemeyer 5 bis 6 Sitze — die Verfahren unterscheiden sich erst bei den letzten, knappen Sitzen. Genau dort entscheiden sie aber mit, ob ein Mandat an eine große oder eine kleine Partei geht.
Verfahren je Parlament: wahlrecht.de — Landtagswahlrecht · Bundeswahlleiterin — Glossar (Zugriff 03.07.2026). Eigene, vereinfachte Erklärung.
Vertiefung: alle Fachbegriffe im Glossar, die Abläufe der Bundestagswahl Schritt für Schritt unter Wissen, Termine und Ergebnisse unter Wahlen und Landtagswahlen.
Wahlrecht verstanden — jetzt anwenden
Du weißt jetzt, wie deine Stimmen zählen. Finde deinen Wahlkreis, prüfe, wer die Wahl bei dir organisiert, und bleib auch zwischen den Wahlen beteiligt.
Siehe auch